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Was sind Nebensonnen?

Nach diesen sehr heißen Tagen wurde es wieder deutlich kälter, was mich an die Winterzeit erinnerte. Ich dachte an einen strahlenden Wintermorgen, an dem Mika und ich durch den Park spazierten. 

An diesem Tag wehte kein Wind, der uns hätte frösteln lassen können, sodass uns in unserer Winterkleidung schön gemütlich warm war. Als wir aus dem Schatten der schneebedeckten Bäume traten, fiel mir etwas Seltsames am Himmel auf. Ich setzte schnell meine Sonnenbrille auf, um meine Augen zu schützen. Unsere Sonne strahlte hell durch eine dünne Wolkendecke, die den größten Teil des Himmels bedeckte, aber sie war dort oben nicht allein – vielmehr gab es noch zwei weitere Sonnen! Unsere große, runde Sonne in der Mitte und zwei helle Flecken zu beiden Seiten davon. In meiner Panik kam mir ein seltsamer Gedanke, und ich sprach ihn unüberlegt laut aus: „Sind wir etwa auf einem fernen Planeten mit drei Sonnen gelandet?“ 

Mika spürte meine Panik, blickte besorgt nach oben und begriff schnell, was vor sich ging. „Keine Sorge“, sagte der kleine Fuchs, „wir befinden uns immer noch in unserem eigenen Sonnensystem und nicht bei Alpha Centauri.“ Ich erinnerte mich daran, dass ich einmal über Alpha Centauri gelesen hatte: Es war das uns am nächsten gelegene Sternensystem mit drei Sternen – einem großen, sonnenähnlichen Stern und zwei kleinen Zwergsternen! Vielleicht hatte sich mein kleiner Fuchsbegleiter geirrt und wir waren tatsächlich dorthin teleportiert worden!?

„Was du da über dir siehst, sind zwei Nebensonnen!“, fuhr der Fuchs fort. „Als ich zum ersten Mal von ihnen hörte, war auch ich überrascht, dass es sie gibt“, sagte er aufgeregt, nur um dann ein säuerliches Gesicht zu machen und zu murren: „Vor allem hat es mich geärgert, dass dieses hübsche Phänomen im Englischen ‘sun dogs’, auf Deutsch wörtlich ‘Sonnenhunde’ heisst und nicht ‚Sonnenfuchs‘ .“ Dann warf er einem Hund in der Nähe einen urteilenden Blick zu, der ihm jedoch nur ein stolzes Grinsen erwiderte. 

„Sonnenhunde? Hat unsere Sonne jetzt Hunde? Sind das Zwergsonnen wie die von Alpha Centauri, oder sind es Lichterscheinungen am Himmel, wie die Glorien, von denen du mir neulich erzählt hast?“, fragte ich. 

„Letzteres“, murmelte Mika, nachdem er sich wieder gefasst hatte. „Auch sie sind wegen der Wolken sichtbar, aber diesmal sind es die Eiskristalle in der Wolke, die das Phänomen verursachen, nicht die flüssigen Tröpfchen.“

„Eiskristalle wie Schneeflocken?“, fragte ich.

„Genau!“, sagte Mika. „Diese Eiskristalle haben die Form winziger sechsseitiger Teller. Und wenn Sonnenlicht durch sie hindurchfällt, passiert etwas Magisches.“

„Wie bei einem Prisma?“, vermutete ich.

„Genau!“, sagte Mika. „Die Eiskristalle brechen das Sonnenlicht, genau wie ein Prisma das Licht in Farben zerlegt. Aber statt eines Glorienscheins erzeugen sie zwei helle Flecken zu beiden Seiten der Sonne.“

Ich schaute wieder nach oben. „Ich verstehe, ist das der Grund, warum die der Sonne am nächsten liegende Seite jeder Nebensonne rot ist und die äußere Seite weiß?“

„Ja, das liegt daran, dass verschiedene Lichtfarben unterschiedlich stark gebrochen werden“, erklärte Mika. „Rot wird am wenigsten gebrochen, deshalb ist es innen. Blau und Violett werden stärker gebrochen, deshalb sind sie außen, aber sie sind blasser, sodass wir hauptsächlich Rot und Weiß sehen.“

„Cool!“, sagte ich. „Aber warum sehe ich keinen vollständigen Lichtkreis um die Sonne herum, so wie bei einem Regenbogen Halo?“

„Das ist eine kluge Frage“, sagte Mika. „Wenn die Eiskristalle winzig wären und in alle Richtungen schweben würden, würden wir einen vollständigen Ring sehen, den man einen 22-Grad-Halo nennt. Aber das tun sie nicht. Das bedeutet, dass etwas Besonderes vor sich geht.“

„Was denn zum Beispiel?“, fragte ich.

„Drei Dinge“, sagte Mika. „Erstens sind die Eiskristalle groß, wie winzige flache Plättchen. Zweitens schweben sie alle flach, wie Pfannkuchen am Himmel. Und drittens … ist die Luft dort oben sehr ruhig.“ 

„Warum ist das wichtig?“, fragte ich.

„Weil, wenn die Luft ruhig ist“, sagte Mika, „können die Eiskristalle langsam fallen und flach bleiben, wie ein Fallschirm. Und wenn sie alle in dieselbe Richtung zeigen, lenken sie das Sonnenlicht nur nach links und rechts von der Sonne ab und erzeugen so die Nebensonnen!“

„Also sind die Nebensonnen immer genau 22 Grad von der Sonne entfernt?“, fragte ich.

„Genau!“, sagte Mika stolz. „Und sie befinden sich normalerweise auf derselben Höhe am Himmel wie die Sonne. Deshalb sieht es so aus, als stünden sie direkt daneben.“

Ich lächelte. Nebensonnen sind also keine echten Sonnen. Es ist nur das Sonnenlicht, das mit den Eiskristallen Spielchen treibt. “

„Genau!“, sagte Mika. „Und das Beste daran? Man kann sie immer dann sehen, wenn es ein kalter, klarer Tag mit vereisten Wolken ist. Behalte einfach den Himmel im Auge und nimm deine Sonnenbrille mit!“

Während wir weitergingen und ganz in unser Gespräch vertieft waren, landeten wir schließlich am Fluss. Und da saß sie, die Hündin von vorhin, stolz, mit den Nebensonnen im Rücken, während ein Lichtstrahl ihr Lächeln erhellte. Sie sah wirklich glücklich aus, dass wir immer noch über Nebensonnen sprachen – ein Moment, den sogar Mika später als sehr niedlich bezeichnete.

Text: Alexander Mchedlishvili, Illustration: Patrizia Schoch, Übersetzung: Sophie Vliegen

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