Woher wissen Forschende, wie das Klima früher war?
Gestern Abend suchte Mia unter ihrem Bett nach einer verlorenen Socke und fand stattdessen eine verstaubte Schachtel. Darin befand sich ihr allererstes Tagebuch, aus der Zeit, als sie sieben Jahre alt war.
Sie schlug es auf und lachte laut auf. „Heute hat es so stark geschneit, dass Papa und ich einen Schneemann gebaut haben. Mika hat zwar geholfen, aber er war mehr damit beschäftigt, die Möhre zu essen.“
„Ich hatte diesen Tag völlig vergessen“, sagte Mia. „Aber das Tagebuch hat sich für mich daran erinnert.“
Mika rollte sich auf dem Kissen zusammen. „Du hast Glück. Aber was ist mit den Tagen, bevor du schreiben konntest? Die hat niemand aufgeschrieben.“
Mia schwieg und überlegte. In der Schule hatte ihre Lehrerin gesagt, dass die Erde heute wärmer ist als vor hundertfünfzig Jahren und dass es vor langer, langer Zeit Eiszeiten gab. Aber während einer Eiszeit hatte niemand ein Thermometer. Es gab keine Wetterstationen, keine Satelliten und schon gar keine Tagebücher von Mia.
„Wie kann das dann überhaupt jemand wissen?“, fragte Mia. „Vielleicht raten sie ja nur.“
Das klang nach einer Frage für José, einen Forscher, der ziemlich viel Zeit damit verbringt, sehr alte Wetteraufzeichnungen zu durchforsten.
„Das ist genau die richtige Frage.“, sagte José. „Das fragen wir uns auch ständig. Und die Antwort hängt davon ab, wie weit man zurückgehen will.“
„Fangen wir mit dem Einfachen an. Die Menschen zeichnen schon seit langer Zeit das Wetter auf. Nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Landwirtschaft, und auch Lehrkräfte sowie Leuchtturmwärter machten Aufzeichnungen. Jeden Morgen lasen sie ihr Thermometer ab und schrieben den Wert in ein Notizbuch. Auch Seeleute taten das: Auf jedem Schiff hat jemand den Wind, die Stürme und das Eis im Logbuch festgehalten, also in einer Art Tagebuch für Wetter. Viele dieser Notizbücher sind noch erhalten, und gerade jetzt tragen Forschende diese Zahlen zusammen, damit sie nicht verloren gehen.“
„Man kann also einfach das Wetter der Vergangenheit nachlesen?“, fragte Mika.
„Für manche Orte ja. Aber es gibt Lücken. Niemand stand jeden einzelnen Morgen mit einem Thermometer mitten im Pazifik, nicht einmal heute. Deshalb lassen wir einen Computer die Lücken zwischen den vorhandenen Messungen füllen. Es ist wie bei einem Puzzle mit fehlenden Teilen. Man sieht nicht das ganze Bild, aber man weiß, wie das Puzzleteil zwischen den beiden Teilen, die man in der Hand hält, aussehen müsste.“
„Und vor der Zeit der Thermometer?“, hakte Mia nach. „Da gibt es doch gar nichts.“
„Es gibt keine Zahlen.“, stimmte José zu. „Aber die Menschen haben trotzdem Dinge aufgeschrieben. In Japan hat man mehr als tausend Jahre lang den Tag aufgezeichnet, an dem die Kirschbäume blühten: früh in warmen Frühjahren, spät in kalten. In den Niederlanden notierte man jeden Winter, wann die Kanäle so fest zugefroren waren, dass man darauf Schlittschuh laufen konnte. Bauern hielten fest, wann die Ernte eingefahren wurde, und Schiffer beschwerten sich schriftlich, wenn der Fluss zu wenig Wasser führte.“
„Sie haben keine Wissenschaft betrieben.“, sagte Mia langsam. „Sie haben einfach nur ihr Leben gelebt.“
„Genau. Und trotzdem haben sie uns ein Tagebuch hinterlassen.“
„Und die Eiszeit?“, fragte Mika. „Da hat doch niemand etwas aufgeschrieben.“
José lächelte. „Nein. Aber die Natur schon.“
„Bäume“, erklärte er, „bilden jedes Jahr einen neuen Ring: einen dicken Ring in einem guten Jahr, einen dünnen in einem kalten oder trockenen Jahr.“
Ein Baum ist wie ein Tagebuch mit einer Seite pro Jahr, und manche Bäume haben Tausende von Seiten. Und in der Antarktis fällt Jahr für Jahr Schnee, der niemals schmilzt. Der alte Schnee wird Schicht für Schicht zu Eis gepresst. In diesem Eis sind winzige Bläschen mit echter Luft aus der Atmosphäre jenes Jahres eingeschlossen. Forschende bohren einen langen Eisstab heraus, öffnen die Bläschen und atmen ein kleines Stück einer uralten Atmosphäre ein. Das älteste Eis, über das wir verfügen, ist mehr als 800.000 Jahre alt.
„Aber woher weißt du, dass das wirklich stimmt?“, fragte Mia.
„Das ist die beste Frage von allen. Seit den letzten 150 Jahren haben wir beides gleichzeitig: die Baumringe und die Thermometer. Also überprüfen wir es. Sagt der Baum ‚kalt‘ genau in den Jahren, in denen das Thermometer ‚kalt‘ anzeigt? Wenn sie Jahr für Jahr übereinstimmen, können wir dem Baum für die Jahre vertrauen, bevor es Thermometer gab. Und denk daran: Bäume können Hunderte oder Tausende von Jahren alt werden. Und wir verlassen uns nie nur auf ein einziges Tagebuch. Wir vergleichen die Bäume mit dem Eis und das Eis mit den alten Aufzeichnungen. Wenn sehr unterschiedliche Tagebücher dieselbe Geschichte erzählen, ist es keine Vermutung mehr.“
An diesem Abend schlug Mia ihr neues Tagebuch auf und schrieb:
Notiz an mich selbst: Auch die Erde führt ein Tagebuch. Sie schreibt nur mit Holz und Eis statt mit einem Bleistift.
Führst du auch ein Tagebuch? In fünfzig Jahren könnte es jemand lesen, um herauszufinden, wie deine Winter waren.
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Text: José Vicencio Veloso, Übersetzung: deepL, Korrektur: Fathima Cherichi Purayil und Sophie Vliegen
Illustration: Patrizia Schoch, Veröffentlichung und Editorial: Sophie Rosenburg
Kommunikation: Beril Aydin, Barrierefreiheit: Sophie Vliegen, Social Media: Komal Navale, Webseitenpflege: Patrizia Schoch