Kühlen Vulkane die Erde?
Heute im Kunstunterricht haben wir Sonnenuntergänge gemalt. Ich finde Sonnenuntergänge toll, weil sie so unterschiedlich aussehen können und sooo viele Farben haben. Wir haben auch über berühmte Künstlerinnen und Künstler gesprochen, die Sonnenuntergänge gemalt haben. Unsere Lehrerin hat uns von William Turner erzählt. Er war ein berühmter Maler aus Großbritannien. Seine Sonnenuntergänge sind sehr bunt und er verwendet viel kräftiges Rot.
Unsere Lehrerin meint, das ist, weil er die Sonnenuntergänge nach dem Ausbruch das Tambora-Vulkans in Indonesien 1815 gemalt hat. Später schauten Mika und ich auf einem Globus nach, wo Indonesien liegt. Es ist ganz schön weit von Europa entfernt und besteht aus mehreren Inseln zwischen dem Indischen und dem Pazifischen Ozean. Aber wie kann es sein, dass ein Vulkanausbruch in Indonesien die Sonnenuntergänge in Großbritannien bunter gemacht hat?
Ich habe Charlotte gefragt. Sie erforscht, wie Vulkanausbrüche die Atmosphäre der Erde verändern. Sie hat erklärt, dass große Vulkanausbrüche tatsächlich die ganze Erde beeinflussen können, weil sie winzige Teilchen ausstoßen, die das Sonnenlicht zurückwerfen können.
Bei kleineren Vulkanausbrüchen gelangen diese Teilchen nur wenige Kilometer hoch in die Luft, dorthin, wo sich Wolken bilden. Dort verbinden sie sich mit Wasserdampf aus der Atmosphäre zu kleinen Wassertropfen. Diese wachsen, so dass sich erst Wolken und dann irgendwann Regen bildet. Mit dem Regen fallen die kleinen Vulkanteilchen dann wieder auf die Erde. Solche kleineren Vulkanausbrüche und Vulkanwolken können für Flugzeuge gefährlich sein, die zu viel von der Asche und den kleinen Teilchen aufnehmen könnten, wenn sie durch diese Wolken fliegen. Im Jahr 2010 brach auf Island ein Vulkan mit dem lustigen Namen „Eyjafjallajökull“ aus, und in ganz Europa mussten zwei Wochen lang Flüge abgesagt werden. Aber die Sonnenuntergänge in Indonesien hat der Ausbruch nicht verändert.
„Aber wie konnte dann ein Vulkan in Indonesien die Sonnenuntergänge in Europa verändern?“, fragte ich.
„Nun“, erklärte Charlotte. „Der Unterschied zwischen diesem isländischen Vulkan und dem indonesischen Vulkan war, dass der Ausbruch des Tambora so stark war, dass er die winzigen Teilchen bis zu 40 Kilometer hoch in die Atmosphäre schleuderte. Das ist ungefähr so, als würden Menschen einen Marathon laufen – nur nach oben in die Luft.
Die Teilchen gelangten also viel höher hinauf, weit über die Wolkenschichten, in eine Luftschicht, die Stratosphäre genannt wird. Dort ist es sehr kalt und trocken. Deshalb können die Teilchen nicht zu schweren Regentropfen heranwachsen. Stattdessen bleiben sie winzig klein und werden von starken Winden weiter nach oben und dann in Richtung Nord- und Südpol transportiert. Dort fallen sie schließlich wieder auf die Erde zurück. Für den ganzen Weg brauchen sie einige Monate. Deshalb können Forschende nach einem sehr großen Vulkanausbruch in der Nähe des Äquators ungefähr ein halbes Jahr später vulkanische Teilchen überall in der Erdatmosphäre nachweisen. Diese Teilchen wirken ein bisschen wie winzige Spiegel und werfen einen Teil des Sonnenlichts zurück ins Weltall. Dadurch können diese ungewöhnlichen Farben bei Sonnenuntergängen entstehen.“
„Also hat William Turner eigentlich einen Vulkan gemalt?“, fragte Mika.
„In gewisser Weise schon“, lachte Charlotte. „Und wahrscheinlich wusste er nicht einmal, dass der Vulkanausbruch auf der anderen Seite der Erde die wunderschönen Sonnenuntergänge verursacht hatte, die er sah. Aber das ist nicht die einzige Wirkung, die vulkanische Teilchen auf die Erde haben. Die Sonne ist unsere Energiequelle. Wie viel Sonnenenergie wir bekommen, entscheidet darüber, wie warm die Erdoberfläche und die Luft sind. Wenn die winzigen Teilchen also einen Teil des Sonnenlichts zurück ins Weltall werfen und das überall auf der Erde geschieht, kann es auf der Erde tatsächlich kälter werden. Nach dem Ausbruch des Tambora kühlte sich die Erde zum Beispiel um etwa ein halbes Grad ab.“
„Aber Charlotte“, sagte ich verwirrt, „ein halbes Grad ist doch so wenig. Das würde ich gar nicht merken.“
„Das stimmt“, meinte Charlotte. „Aber es ist ähnlich wie beim Klimawandel. Eine Erwärmung um ein Grad für die gesamte Erde kann bedeuten, dass sich manche Regionen viel stärker erwärmen als andere. Und es geht dabei nicht nur um einen einzigen Tag, sondern um eine ganze Jahreszeit oder sogar noch länger.
Pflanzen leben direkt vom Sonnenlicht. Deshalb spüren sie Veränderungen der Sonnenstrahlung viel direkter als wir. Tatsächlich erlebte Europa nach dem Ausbruch des Tambora ein Jahr, das wir heute das “Jahr ohne Sommer” nennen. In diesem Jahr war es viel kälter und regnerischer als gewöhnlich, und die Pflanzen konnten nicht richtig wachsen. Die Menschen mussten hungern, weil es nicht genug Nahrung gab.
Wahrscheinlich hing nicht alles davon mit dem Vulkanausbruch zusammen, denn schon in den Jahren zuvor hatten Kriege und politische Probleme das Leben der Menschen sehr schwer gemacht. Aber wir denken, dass der Ausbruch des Tambora die Ernte verringert und die Temperaturen insgesamt gesenkt haben könnte, sodass die Menschen es noch schwerer hatten.
Anders als beim Klimawandel halten die Auswirkungen eines großen Vulkanausbruchs aber normalerweise nur zwei bis drei Jahre an – nämlich solange die kleinen Teilchen in der Stratosphäre bleiben. Nach und nach fallen sie aus der Stratosphäre heraus. Dann kehren die Temperatur und die Sonneneinstrahlung wieder zum Normalzustand zurück.
Bei Treibhausgasen ist das anders. Sie können nicht einfach aus der Atmosphäre ausgewaschen werden und bleiben deshalb viel länger dort.“
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Text: Charlotte Lange
Illustration: Patrizia Schoch, Veröffentlichung und Editorial: Sophie Rosenburg
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